Sein oder Nichtsein; das ist hier nicht mehr die Frage. Vergessen oder nicht vergessen; das wäre heutzutage treffender. Aber was genau sollte man schon vergessen?

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In Frankreich fordert die Kinderanwältin der Republik ein Recht auf Vergessen. Jugendliche sollten dadurch die Möglichkeit erhalten, ihre Privatdaten, die sie früher leichtsinnig im Internet veröffentlicht haben, zu löschen. Schöne Initiative, aber waren wir nicht alle mal Kinder? Personen in reiferen Jahren wünschen sich manchmal auch, dass etwas Unwichtiges aus ihrer Vergangenheit in Vergessenheit gerate. Manche möchten Gerüchte um ihre vermutete Rotlicht-Vergangenheit auslöschen. Andere erhoffen sich davon, dass ihr infantiles Abschreiben niemandem mehr auffalle. Hamlet hätte sich auch gewünscht, alles vergessen zu können, um seinen Herzweh zu überwinden. Über all das sollte man Gras wachsen lassen.

Vergessen – löschen – Löschen! Vielleicht auch weiterschreiben. Ja da liegt‘s: Was für Albernheiten kämen im Internet noch vor, wenn wir wüssten, dass so ein wunderbarer digitaler Radiergummi existiert?
Deshalb würden sich wahrscheinlich einige gegen das Recht aussprechen, vergessen zu werden. Die alte Frau zum Beispiel, die mit 81 Lenzen in einem Tresorraum in Nancy, Ost-Frankreich, vergessen worden war, wird mit Sicherheit dagegen sein. Der Angestellte, der vermutlich in Twitter oder Facebook vertieft war, hat sie einfach während seiner Mittagspause eingeschlossen. Und da der Bankchef, der vermutlich auch in Twitter oder Facebook vertieft war, vergessen hatte, die Telefonlinie im Tresorraum reparieren zu lassen, hat die alte Dame warten müssen, bis der Angestellte zwei Stunden später von Essen zurück kam.

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Abgesehen von den unlauteren Wettbewerbsbedingungen für Bankräuber, wurden hier vor allem die Gefahren des Rechts auf Vergessen ans Licht gebracht. Damals hatten Senioren Gedächtnisprobleme. Heute vergisst man einfach die Alten. Die Alzheimerfrage wird durch das Recht auf Vergessen gelöst werden. Das ist eine Revolution, die Apple nicht vorgesehen hatte.

Glücklicherweise wird dagegen die Erinnerungspflicht wirken, das französische Äquivalent für Aufarbeitung der Vergangenheit, welches schon seit Jahrzehnten in französischen Schulen fleißig unterrichtet.

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