Paris träumt von Freiheit

Eine Ausstellung zu Bohèmes und Bohèmiens in Paris Grand Palais.

 

„Die Ausstellung folgt nach außen hin zwei verschiedenen Linien. Aber beide sind eigentlich mit einem einzigen Hauptthema verbunden: das Freiheitsideal, das Künstler und Bohémiens [„Zigeuner“] gleichermaßen teilen.“ So fasst der Ausstellungsgestalter Robert Carsens, der für seine Theaterregie besser bekannt ist, die Bedeutung und die Komplexität der Ausstellung „Bohèmes“ zusammen, die bis zum 14. Januar im Pariser Grand Palais gezeigt wird. Gleichzeitig wollte der Kurator Sylvain Amic vielfältige Kunstwerke, die gleichermaßen den Bohème-Mythos der Pariser Avant-Gardisten des 19. Jahrhunderts und die in der Kunst ausgedrückte Faszination für die „Zigeuner“ illustriert, ausstellen.

BELLET DU POISAT Pierre Alfred, Die drei Zigeuner,musée de Grenoble, ca. 1850-1875.

BELLET DU POISAT Pierre Alfred, Die drei Zigeuner, ca. 1850-1875, musée de Grenoble.

Im Erdgeschoss führen uns zwei ockergelbe Gänge wie eine lange Straße durch zahlreiche Romabilder, die zwischen 1493 und 1910 in ganz Europa gemalt wurden. Zum zweiten Stock gelangt man über eine monumentale Treppe, wo verschiedene Plakate oder Manuskripte zeigen, wie das Imaginäre des „Zigeuners“ sowohl die Populär- als auch die Elitekultur geprägt hat. Oben tritt man ins Alltagsleben jüngerer Bohème-Künstler ein. Dort erinnern ein Holzofen, zerrissene Tapeten oder sogar eine wieder aufgebaute altmodische Bar an die baufällige Mansarden und die Cafés von Montmartre, die in dieser Epoche als Ateliers und Wohnzimmer der Pariser Avant-Garde galten. In der ganzen Ausstellung vervollständigt Musik diese emotionsgeladene Atmosphäre. Vorteilhaft erscheint die thematische Voreingenommenheit, die erlaubt, Bilder, die teils sehr bekannt sind wie Van Goghs Schuhe, teils zu Unrecht bisher unbeachtet wie die Zigeuner-Porträts von August von Pettenkoffen, neu zu entdecken.

Sylvain Amic macht deutlich, dass es nicht um eine Reportage über das echte Leben der Bohemiens und der Bohèmekünstler geht, sondern um Phantasie und Mythos. Die Diskrepanz zwischen den Idealbildern und der Wirklichkeit kann man oft zwischen den Zeilen lesen. Das Leben der Künstler (Courbet, Van Gogh, Picasso…) und der Dichter (Baudelaire, Rimbaud, Verlaine…), deren Werke heute gepriesen werden, erscheint zu Recht von Armut, Alkohol, Wahnsinn und Selbstmord geprägt. Ähnlich wurden die „Zigeuner“ immer mit schlechten Vorurteilen und Verfolgungen konfrontiert. Der letzte Korridor gilt in diesem Sinn als abrupter Aufruf zum Realismus. Die 25 von Otto Mueller 1927 gemalten Zigeunerbilder, die dort gezeigt werden, wurden 1937 von den Nationalsozialisten in der Ausstellung „Entartene Kunst“ stigmatisiert. Zu diesem Zeitpunkt werden Tausende von „Zigeunern“ deportiert und bald vernichtet. Schande wurde gleichermaßen über Romas und Künstler gebracht. Ende des Freiheitmythos ?

Schuhe-Van-Gogh

Vincent Van Gogh, Schuhe, 1886, Van Gogh Museum (Amsterdam).

Die Pariser-Bohèmes und die Bohèmiens in einer einzigen Ausstellung darzustellen war eine gewagte Idee, da die Verbindung zwischen diesen beiden anfangs nicht so deutlich erscheint. Dem Kuratoren Sylvain Amic und dem Ausstellungsgestalter Robert Casens ist es aber gelungen, sie zusammenzubringen. Dafür ist hauptsächlich der ungewöhnlichen und deutlichen Inszenierung zu danken.

Ausstellung Bohèmes, Paris, Grand Palais (26.09.2012 – 14.01.2013)

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